Peer Learning Workshop auf dem Lern geschehen! Summit von Masterplan in Berlin
Ep. 66

Peer Learning Workshop auf dem Lern geschehen! Summit von Masterplan in Berlin

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Episode description

Simon Dückert und Christian Kaiser zeigten im Workshop “Peer Learning: Mit lernOS Learning Circles das formelle Lernen in Unternehmen erweitern” auf dem Lern geschehen! Summit am 14.10.2026 in Berlin, warum Peer Learning formelle Lernangebote ergänzen sollte. Der größte Teil des beruflichen Lernens findet schon heute informell statt, das Budget fließt aber überwiegend in Kurse. Kaiser schildert als Praxiscase, wie lernOS Learning Circles bei DATEV auf Freiwilligkeit setzen und wo diese Grenzen hat. Dückert zeigt, wie eine Organisation mit offizieller Einladung über Führungskräfte und Verteiler höhere Teilnahmequoten erreicht. Eine Umfrage unter 51 erfahrenen Teilnehmenden belegt die hohe Zufriedenheit. Als Erfolgsfaktoren nennt sie eine Facilitation, die Struktur gibt, ohne zu dominieren, sowie Verbindlichkeit und die gezielte Kopplung mit formellen Lernprogrammen. Gerade im KI-Zeitalter bleiben Beziehungen und Austausch mit Menschen knapp, während Lerninhalte reichlich verfügbar sind.

Shownotes:

  • Warum Peer Learning? Einordnung zum formellen Lernen
    • Das 70-20-10-Modell (Eichinger/Lombardo): 70 % Lernen durch Erfahrung im Arbeitsprozess („Through Tough Jobs“), 20 % durch andere Menschen, 10 % durch Kurse.
    • Laut IW-Erhebung 2023 (Institut der deutschen Wirtschaft) entfallen 13,4 von 20,3 Lernstunden auf informelles Lernen. Das Budget fließt dennoch überwiegend in formale Angebote („Lernen aus der Konserve“).
    • Entwicklung vom Novizen zur Expertin: Anfangs helfen Kurse („ich weiß“), später wird der Austausch mit Peers wichtiger („ich wende an und passe an“). Ziel ist nicht „weniger Kurse“, sondern die richtige Methode zur richtigen Zeit.
    • ISO 30437 (Learning and Development Metrics) unterscheidet seit 2023 formelles und informelles Lernen und enthält Kennzahlen dafür. Nach dem Prinzip „What gets measured, gets done“ fehlen solche Metriken in den meisten Organisationen. Dückert empfiehlt, die Norm mit den Verantwortlichen durchzugehen.
    • KI-Perspektive: Lerninhalte sind nicht mehr der limitierende Faktor, denn LLMs (Large Language Models) erzeugen Kurse auf Zuruf. Knapp bleiben Beziehungen, Gemeinschaft und das Wissen, wer Erfahrung hat.
  • Das Format: lernOS Learning Circles
    • „Learning Circle in 60 Sekunden“: Kleine Gruppe von 4–6 Personen, Austausch auf Augenhöhe unter Gleichgesinnten (Peers), ein fester wöchentlicher Rhythmus mit etwa 2 Stunden. Statt eines Trainers gibt es Lernpfade bzw. Leitfäden.
    • Ein Durchlauf dauert meist ein Quartal (12–13 Wochen) und entspricht netto etwa drei Lerntagen. Eine Facilitation (Moderation) ersetzt den Trainer.
    • Working Out Loud (nach John Stepper) behandelt Sichtbarkeit und Vernetzung. lernOS ist das Modell von Simon Dückert: Es hat inzwischen fast 20 qualitätsgesicherte Lernpfade, etwa zu KI, digitalen Ökosystemen, Community Management und Sketchnoting. Die Lernpfade stehen unter einer offenen Lizenz (Corporate Open License) und kosten keine Lizenzgebühr.
    • Verwandte Formate sind Mastermind-Gruppen und kollegiale Fallberatung. Dückert trifft sich seit fast 30 Jahren quartalsweise mit seiner Mastermind-Gruppe aus dem Studium.
  • Praxiscase DATEV: Peer Learning auf Freiwilligkeit
    • Christian Kaiser (seit 30 Jahren bei DATEV, Stabsstelle, die mit Plattformen organisationalen Lernens die Rolle des „Trusted Irritator“ einnimmt) machte 2018 seinen ersten Working-Out-Loud-Kurs. Dieser veränderte ihn persönlich stark, was sich z. B. an seinem LinkedIn-Netzwerk zeigt.
    • Ernüchterung: Obwohl seit 2019 etwa 20 Mal öffentlich eingeladen wurde (9.000 Kolleginnen und Kollegen, 40.000 Genossenschaftsmitglieder, 1 Million Anwender), nahmen nur wenige teil.
    • Kickoff-Format: Aus einem 90-minütigen Kickoff mit „Tinder-Prinzip“ (Teilnehmende finden sich nach Thema und Sympathie, statt zugelost zu werden) wurde eine kürzere Infoveranstaltung. Zum Kickoff am 21.09. kamen überraschend 80 Personen.
    • Kanzleicamp (Barcamp): Von 400 Teilnehmenden meldeten sich 40 am folgenden Montag an, es bildeten sich 18 Learning Circles. Kritisch sind die Wochen 3 und 4, in denen Selbstdisziplin zählt und Circles gern auseinanderfallen.
    • Learning Circle Experience: Eine Einladung zum nächsten Durchlauf im Februar folgt. Kaisers Rat lautet, nicht zu warten und einfach anzufangen. Als Praxisbeispiele verweist er auf das Buch von Nele Graf mit knapp 40 Beispielen.
  • Erfolgsfaktoren aus der Umfrage
    • Datenbasis: 51 Teilnehmende mit mehreren Circles. Bewertung 4,5–5 Sterne, 90 % würden uneingeschränkt weiterempfehlen, 90 % planen weitere Circles („Serientäter“). Am häufigsten genannt wurden Mensch, Beziehung und Gemeinschaft.
    • Facilitation: Sie gibt Struktur, ohne zu dominieren, und die Rolle kann rotieren oder bei einer Person bleiben. Wer als „Lehrer“ auftritt, schadet dem Circle, und wer zu laissez-faire ist, ebenfalls. Termine, Einwahllink und Organisation müssen geklärt sein, weil Lernende aus dem formellen Kontext (z. B. dem Learning Management System, kurz LMS) Rundumorganisation gewohnt sind.
    • Zuverlässigkeit und Kontinuität: Vorab sollte vereinbart werden, ob bei Abwesenheit abgesagt oder durchgezogen wird, denn viele Circles „schlafen ein“.
    • Sozialer Effekt: Gemeinsame Verbindlichkeit wirkt wie bei den Weight Watchers. Man steigt gemeinsam auf die Waage, auch wenn jeder für sich abnimmt.
    • Future Skill Selbstorganisation: Dieser Skill geht durch die zunehmende Verschulung der Hochschulen verloren und wird in Circles nebenbei trainiert. Eine Do’s-and-Don’ts-Liste und das Learning Circle Facilitator Handbook der Peer-to-Peer University (2021 um virtuelle Formate erweitert) liefern weitere Hinweise.
  • Transfer: Formelles Lernen und Peer Learning koppeln
    • Kopplung statt Gegensatz: Kurse decken den unteren Teil der Kompetenzkurve ab, Peer Learning den oberen. Beide sollten sich „die Klinke in die Hand geben“.
    • Beispiele: Auf ein dreitägiges Projektmanagement-Training (z. B. IPMA Level A) folgt ein Peer-Circle zur Anwendung. Auf ein kurzes Prompting-Training folgt ein 12–13-wöchiger KI-Circle, in dem man sich z. B. selbstgebaute Agenten zeigt.
    • Nachdruck durch die Organisation: Offizielle Verteiler, Rollen und Führungskräfte erhöhen die Teilnahme. In einem KI-Projekt starteten nach 200 Pilotteilnehmenden 2.000 Personen in Fünfer-Circles, die freiwillig nie gekommen wären.
    • Checkliste und Kennzahlen: Die Folien enthalten Leitfragen für die Verbindung mit bestehenden Lernprogrammen. Passende Kennzahlen finden sich in der ISO 30437 (für HR-Leitung und Head of L&D).
    • Einstieg des Workshops: Zu Beginn tauschten sich die Teilnehmenden zwei Minuten im Tandem darüber aus, wann sie zuletzt im Job wirklich etwas gelernt haben, und erlebten so Peer Learning selbst.